Toni Borgert (30) aus Köln Nippes, ist mit 17 Jahren alleine nach Köln gekommen, um hier Koch zu werden und lebt seine Kreativität mit Maskenbildnerei aus.

Wo hast Du Deine Wurzeln / wo hat Deine Familie ihre Wurzeln?

Im tiefen Osten, im schönen Brandenburg, in der 6000 Einwohner Kreisstadt Seelow. Das ist etwa 30 km von der polnischen Grenze entfernt. Der nächst größere Ort ist Frankfurt/Oder. Meine Eltern leben immer noch da. Meine Mutter und Oma sind da geboren und haben den Ort auch nie für lange verlassen. Richtige DDR-Kinder eben. Ich glaube, meine Mutter ist nie auf den Gedanken gekommen, dort wegzugehen. Bei mir war das anders. Ich habe schon recht jung daran gedacht, dort wegzuziehen und meine Mutter hat das unterstützt.

Was hat Dich nach Köln gebracht?

Hauptsächlich die Ausbildung. 2004 war ich in der Gesamtschule mit Realschulabschluss fertig und ich hatte keinen Bock auf Gymnasium. Und da bin ich dann nach Köln gezogen, das ich schon seit 2 Jahren durch Freunde kannte. Bei mir ist direkt der Funke für die Stadt übergesprungen. Also bin ich mit 17 Jahren hierhergezogen und habe meine Ausbildung als Koch im Hotel Hopper begonnen. Ich musste dann recht schnell lernen, alles selbstständig zu regeln. Meine Mutter hat zwar noch für mich den Mietvertrag unterschrieben, aber für alles andere musste ich auf einmal selbst Lösungen finden. Ich konnte zum Beispiel überhaupt nicht mit Geld umgehen. Obwohl ich eigentlich ganz ordentlich verdiente, hat mich die Großstadt doch zu einigen unüberlegten Ausgaben verführt.

Der zweite Grund hierher zu kommen war, dass ich einfach in eine große Stadt wollte. Das naheliegende Berlin kam für mich irgendwie nie infrage. Das deutlich beschaulichere Köln gefällt mir besser.

In einer großen Stadt kann man auch mal gut seine Ruhe haben. Keiner beobachtet ständig, was man an hat und wie man sich gibt. Und natürlich gibt es im Dorf auch überhaupt kein schwules Leben, wie man sich leicht vorstellen kann (lacht).

Warum lebst Du in Köln?

Hat sich irgendwie so ergeben. Ich wollte keine großartige Koch-Karriere machen. Ich habe hier Freunde gefunden und auch mal eine lange Beziehung gehabt. Ich mag das Lebensgefühl hier immer noch und es war ja auch immer recht gemütlich hier für mich und ich habe nichts vermisst.

Ich habe zwar kein Fernweh, könnte mir aber dennoch auch andere Städte vorstellen. Hamburg oder Wien etwa. Landleben wäre im Moment eher nichts für mich. Vielleicht ändert sich das in den nächsten 30 Jahren ja aber.

Was ist Dein Beruf und was ist Deine Berufung?

Der Beruf ist immer noch Koch. Die Berufung Kreativität, auch wenn die Richtung noch nicht so klar ist. Das Thema Make-up und Maske liegt mir aber sehr. Ich habe das in verschiedenen Fotosessions ausgelebt. Ich habe schon mal kleine Theaterproduktionen begleitet. Das Maskenthema könnte für mich die Sorte Kreativität  sein, die Broterwerb und Kreativität verbindet. Und wenn das nicht klappt, kann ich ja wieder, wie heute, bei Dinea kochen.

Was ist für Dich typisch für Köln – Gutes wie Schlechtes?

Als erstes würde ich die vielen offenen Menschen nennen, mit denen man schnell ins Gespräch kommt. Beim Bäcker ebenso wie abends beim Feiern. So findet man zwar nicht immer Freunde fürs Leben, aber man feiert nie alleine.

Das nächste ist eindeutig der Karneval. Oft ist das zwar eine eher konservative Veranstaltung, ich mag es dennoch. Nach 14 Jahren hier habe ich mich ganz gut eingelebt. Aber natürlich ist das bei mir im Gegensatz zu den Urkölschen eher die Light-Variante.

Außerdem ist für mich typisch Köln, dass hier alles, trotz Großstadt, sehr kompakt ist, so dass man sich auch zu Fuß die Stadt gut erlaufen kann, ohne dass man für alles die Bahn oder den Bus braucht.

Wo sind Deine Lieblingsecken in Köln?

Auf jeden Fall der Stadtteil, in dem ich lebe: Nippes. Ich wohne am Schillplatz. Der ist von vier Seiten mit Häusern eingeschlossen, es gibt aber auch viel Grün. Es gibt 2 Cafés dort, so dass man auf dem Platz alle möglichen Leute sehen und beobachten kann. Die Sonne scheint den ganzen Tag auf den Platz. Das erzeugt eine schöne Stimmung und bei mir vor allem ein „Zuhause-Gefühl“. Es ist dort nicht so überrannt, wie in der Innenstadt; kaum Touris. Das ganze Viertel ist voll mit schönen Altbauten und es gibt eine Menge zu entdecken.

Wo in Köln sollte jeder mal gewesen sein?

Im Stadtteil Ehrenfeld. Auf der einen Seite ist der stark türkisch geprägt, auf der andere Seite gibt es die Hipsterecken oder noblere Gegenden, wie die Neu-Ehrenfelder Eichendorf-Straße mit den vielen Jugendstilbauten. Da kommen viele verschiedene Mentalitäten zusammen, die ein Nebeneinander der Kontraste zeigt und erlebbar macht.

Für einen ersten Köln-Besuch empfehle ich auf jeden Fall den Dom. Die Ruhe, die das Gebäude ausstrahlt, einfach mal auf sich wirken lassen. Das hilft mir oft sehr zu entschleunigen, wenn ich mal dem Trubel der Stadt entfliehen will.

Das Gleiche gilt auch für den Melaten-Friedhof. Die Weitläufigkeit und die großen Statuen vermitteln mir eher den Eindruck eines Parks. Dort kann ich auch mal längere Zeit Ruhe finden. Auch der Rheinauhafen ist klasse. Ich bin gerne am Wasser und mag die Geradlinigkeit der Kranhäuser.

Und natürlich muss sich jeder mal von einem echten Köbes in einem Brauhaus anblaffen lassen und was Regionales gegessen haben. Sauerbraten im Sommer zum Beispiel (lacht).

Wenn Du Dir was wünschen könntest: Gibt es etwas, das Köln verbessern müsste?

Breitere Radwege! Ich bin ja notorischer Radfahrer und besonders die Neusser Straße ist eine echte Katastrophe.

Was hat Dich veranlasst zuzusagen, als ich Dich bat, bei den Stories mitzumachen?

Eigentlich war das ja andersherum (lacht). Ich finde das Projekt einfach spannend und ich kannte ja auch vorher schon Deine People-Aufnahmen und ich wollte sehen, ob ich mich wohl in die Reihe der spannenden und interessanten Personen, die schon mitgemacht haben, einreihen kann und wie ich da hineinpasse.

Und so hat sich das doch zu einer ganz guten Konstellation entwickelt. Spannend in der Sache und relaxed in der Durchführung. Du hast mich mit meinem Befindlichkeiten ziemlich gut abgeholt.

Welches sind die drei Begriffe, die Dich am besten beschreiben?

Kreativität. Wahnsinn. Lachen (lacht. Wie die meiste Zeit).

Welches der gemachten Fotos zeigt Deiner Meinung nach am meisten von Dir, bzw. in welchem erkennst Du Dich am besten wieder?

Die beiden Bilder unten. Die sind einfach mitten im Gespräch entstanden und zeigen mein ganz ehrliches Lächeln. Und lächeln kann ich nicht stellen oder spielen!

Fotografien und Interview: Lars Gehrlein, Köln, 2017

Die Aufnahmen sind entstanden in Köln am Rautenstrauch-Jost Museum

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Veröffentlicht von Lars Gehrlein

Lars Gehrlein ist ein Reise- und Porträtfotograf aus Köln. Er ist immer auf der Suche nach Geschichten über (noch) unbekannte Menschen und Orte, um sie zu erzählen oder zu fotografieren.

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